
Chen Taijiquan Xiaojia - Die geheime Kunst
Was bedeutet "familiäre Weitergabe" im Chen Taijiquan wirklich?
Oft liest man, dass Chen Taijiquan – insbesondere der Kleine Rahmen (Xiaojia) – über Generationen hinweg ausschließlich innerhalb der Familie und als geheimes Wissen weitergegeben wurde. Dieser Satz klingt geheimnisvoll und ehrfürchtig. Doch was bedeutet er tatsächlich?
Und was heißt in diesem Zusammenhang überhaupt Familie?

Wenn wir heute an Familie denken, meinen wir Eltern, Geschwister, vielleicht noch Großeltern. Doch im Chen-Clan reicht der Blick viele Generationen zurück. Der gemeinsame Vorfahr der Linien von Chen Wangting [9.], dem Begründer des Taijiquan, und Chen Changxing [14.] liegt bereits in der 5. Generation des Chen-Clans. Zwischen ihnen liegen Jahrhunderte. In heutiger Zeit würden Menschen in einer vergleichbaren genealogischen Entfernung einander kaum kennen.
Und doch sprechen wir im Chen Taijiquan von Familie.
Warum?
Kampfkunst, Verantwortung und Überlieferung
Weil Kampfkunst in China weit mehr war als körperliche Technik. Sie war Überlebenswissen, tiefes Körperverständnis, ein Schatz, den man nicht leichtfertig weitergab. Wer diese Kunst bewahren wollte, vertraute sie jenen an, zu denen die engste Bindung bestand: den eigenen Kindern, den Kindern der Geschwister – oder jenen wenigen Verwandten, die die Kunst in ihrer Generation zur höchsten Reife gebracht hatten.
So verstanden bedeutet "familiäre Weitergabe" nicht Nähe im heutigen Sinne, sondern Verantwortung.
Genau hier beginnt die eigentliche Frage:
Wurde dieses Wissen über viele Generationen hinweg überall in gleicher Tiefe weitergegeben – oder nur dort, wo die innere Essenz wirklich verstanden wurde?
Genealogie und die Linie von Chen Wangting und seiner Brüder
Diese Frage führt direkt zu den Linien Chen Wangtings [9.] und seiner Brüder. Betrachtet man ihre Nachkommen genauer, zeigt sich ein genealogisch wie inhaltlich außergewöhnliches Bild, das für das Verständnis der Taijiquan-Überlieferung von zentraler Bedeutung ist.
Die Rolle von Chen Xin
Chen Xin, sein Vater Chen Zhongshen [15.], dessen Bruder Chen Jishen [15.] sowie deren Onkel Chen Youben [14.] sind keine direkten Nachkommen Chen Wangtings [9.], des Begründers des Taijiquan. Und dennoch ist es genau dieser Familienzweig, auf den sich sämtliche direkten Nachkommen Chen Wangtings [9.] und seiner beiden Brüder in der Taijiquan-Boxtradierung beziehen. Sie nennen zwar Chen Wangting [9.] als Ursprung der Kunst, geben jedoch für die konkrete Weitergabe der Methode und Theorie ab der 16. Generation geschlossen Chen Xin [16.] als ihren Vorfahren an.
Warum dieser genealogische "Schwenk" wichtig ist
Dieser genealogische "Schwenk" ist bemerkenswert. Er deutet darauf hin, dass Chen Xin [16.] und sein Familienzweig über außergewöhnliche Fertigkeiten und ein besonders tiefes Verständnis der Taijiquan-Methodik verfügt haben müssen. Offenbar war hier ein Wissen bewahrt und verfeinert worden, das als maßgeblich für die authentische Überlieferung galt – selbst für jene Linien, die ihre Abstammung direkt auf Chen Wangting zurückführen.
Über Generationen hinweg stehen die Nachkommen Chen Wangtings [9.] und seiner Brüder daher geschlossen in einer gemeinsamen Überlieferungslinie, jener von Chen Xin [16.], und tragen ein Wissen weiter, das sich nicht in äußeren Formen erschöpft, sondern tief in Struktur, innerer Ordnung, Prinzipien und spiraliger Kraftentfaltung verwurzelt ist.

Familienlinien Chen Wangting & Brüder
Und doch sprechen wir im Chen Taijiquan von Familie. Dazu zählen unter anderem:
Chen Ziming (17. Generation, Nachkomme Chen Wangtings)
Chen Honglie, Chen Khezong, Chen Bingmi und Chen Kedi (18. Generation, Nachkommen Chen Wangqians)
Chen Boxiang (18. Generation, Nachkomme Chen Yujies)
Chen Lixian, Chen Liqing und Chen Lifa (19. Generation, Nachkommen Chen Wangqians)
sowie Chen Peilin, Chen Peishan und Chen Peiju (20. Generation, Nachkommen Chen Wangqians)
Chen Chunsheng (20. Generation, Nachkomme Chen Wangtings)
Xiaojia als konzentrierter Kern der Überlieferung
Gerade dieser Umstand macht die heute als Xiaojia bezeichnete Tradierung so bedeutend: Sie ist nicht einfach eine Nebenlinie oder spätere Ausprägung, sondern stellt in methodischer Hinsicht einen konzentrierten Kern der familiären Überlieferung dar. Dass sich die direkten Nachfahren des Taijiquan-Begründers bewusst auf diesen Familienzweig beziehen, unterstreicht seine zentrale Rolle für das Verständnis des Taijiquan in seiner Tiefe.
Chen Xin selbst spürte bereits, dass dieses Wissen bedroht war – nicht durch offene Ablehnung, sondern durch langsames Verblassen. Durch Vereinfachung, Aufsplitterung, Verlust der inneren Zusammenhänge. Seine berühmten Worte klingen bis heute nach:
"Ich fürchte, dass sich das Taijiquan in viele Stile und Schulen aufgespalten hat und die wahre Überlieferung verloren geht."
Struktur und innere Prinzipien
Und doch: Gerade in den direkten Familienlinien Chen Wangtings scheint diese Sorge nicht eingetreten zu sein. Hier wurde weitergegeben, bewahrt, verfeinert – still, konsequent, ohne große Öffentlichkeit. Das, was wir heute Xiaojia nennen, ist nicht einfach ein "kleiner Rahmen", sondern ein konzentrierter Kern: verdichtete Struktur, innere Spiralbewegung, klare Prinzipien.
Bewahrung, Tiefe und lebendige Tradition
Natürlich hat sich Taijiquan über die Jahrhunderte verändert. Wir können nicht behaupten, exakt so zu üben wie zur Zeit Chen Wangtings. Aber eines ist gewiss:
Die direkten Familienlinien zu ihm stellen den nächstmöglichen Zugang zum Ursprung dar.
Sie sind kein Museum – sie sind ein lebendiger Strom.
Wer sich ihnen nähert, betritt kein abgeschlossenes System, sondern eine kontinuierliche Suche nach Tiefe. Und vielleicht ist genau das der wahre Sinn der "familiären Weitergabe" im Chen Taijiquan:
nicht Blut allein – sondern das stille Weiterreichen eines inneren Wissens, von Herz zu Herz, von Generation zu Generation.
Hinweis zur Generationenzählung
Die Angabe wie "[16.] Generation" bezieht sich auf die Zählung innerhalb des Chen-Clans insgesamt, Bereits mit Chen Bo [1.] begann eine Vater–Sohn-Tradierung von Kampfkunst, aus der sich über Generationen hinweg ein tiefes Körper- und Bewegungswissen entwickelte.
Erst mit Chen Wangting (9. Generation des Chen-Clans) entstand daraus jedoch ein eigenständiges, in sich geschlossenes System, das wir heute als Taijiquan bezeichnen.

Geneologischer Stammbaum des Chen Clans den die Schülern Gene Chens in den 1990ern von ihm erhielten: Quelle/Source: https://molingtaiji.com/category/articles/page/2/
