Chen Xin (陈鑫)
(16. Generation des Chen Clans)

Innere Ordnung im Chen-Taijiquan Xiaojia – nach Chen Xin
Diese Textreihe widmet sich zentralen Begriffen des Chen-Taijiquan, wie sie in Chen Xins Chen Taijiquan Tushuo (陳氏太極拳圖說) beschrieben und eingeordnet werden. Sie richtet sich an Übende, die verstehen möchten, wie Bewegung, Kraft und Wirksamkeit aus innerer Ordnung entstehen.
Chen Xin (1849–1929) war ein Gelehrter der Chen-Familie und ein tiefgehender Kenner des Chen-Taijiquan. In seinem Werk verband er praktische Erfahrung mit klassischer chinesischer Denkweise und schuf damit eine der umfassendsten Darstellungen der inneren Prinzipien des Taijiquan. Er gilt als einer der Ur-Ahnen der Tradierungslinie, die heute als Xiaojia, der "kleine Rahmen" des Chen-Taijiquan, bezeichnet wird und an dieser Schule unterrichtet wird. Das Tushuo ist kein Technikhandbuch, sondern eine systematische Darstellung von Ordnung, Zusammenhang und Wandel.
Im Zentrum von Chen Xins Betrachtung steht nicht die einzelne Bewegung, sondern das Prinzip, das allen Bewegungen zugrunde liegt. Herz, Vorstellung, Qi, Struktur und Kraft werden nicht isoliert betrachtet, sondern als aufeinander bezogene Ebenen eines einheitlichen Prozesses. Taijiquan erscheint hier nicht als Abfolge von Figuren, sondern als kontinuierliche Entfaltung innerer Ordnung.
Die folgenden Texte greifen zentrale Begriffe aus dem Tushuo auf und beleuchten sie einzeln: Herz (Xin), Vorstellung (Yi), Qi, Wille, Beharrlichkeit, Struktur, Kraft, Mitte, Spiralbewegung, Leer und Voll, Hören, Zeit und Prinzip. Jeder Abschnitt steht für sich und ist zugleich Teil eines größeren Zusammenhangs.
Diese Reihe versteht sich nicht als abschließende Erklärung, sondern als Einladung zur eigenen Erfahrung. Die beschriebenen Prinzipien lassen sich nicht allein durch Lesen erfassen; sie erschließen sich im Üben, im Wahrnehmen und im fortwährenden Zurückkehren zur inneren Ordnung.
Oder, in Taiji-Worten:
Nicht die Form ist entscheidend, sondern das, was sie trägt.
Mit der Essenz des Dao im Einklang
Das Herz (心, Xin)
Bei Chen Xin ist das Herz (Xin) nicht bloß Emotion oder Gefühl, sondern der Ort der inneren Ordnung. Es ist der Sitz der Klarheit, aus der sich Absicht (意, Yi), Qi und schließlich Bewegung entfalten. Ist das Herz unruhig, zerstreut oder verkrampft, kann sich keine echte Ganzheit im Körper einstellen – egal wie korrekt die äußere Form wirkt.
Chen Xin betont immer wieder:
Das Herz muss ruhig sein, bevor sich der Körper ordnen kann.
Ruhe bedeutet hier nicht Leere oder Passivität, sondern Zentrierung. Ein Herz, das nicht nach außen greift, nicht festhält und nicht zurückschreckt, erlaubt dem Yi, klar zu werden. Erst dann kann das Qi folgen, und erst dann kann Kraft (劲, Jin) entstehen, die nicht grob, sondern durchdringend ist.
Im Tushuo wird deutlich, dass das Herz nicht direkt Kraft erzeugt. Seine Aufgabe ist subtiler:
Es richtet aus, es verbindet oben und unten, innen und außen. Wenn das Herz aufgeregt ist, trennt sich der Körper: Schultern steigen, der Atem wird flach, das Becken verliert seine Verwurzelung. Wenn das Herz ruhig ist, sinkt das Qi von selbst, und der Körper findet Zhongding (中定), die innere Mitte.
Ein zentraler Gedanke bei Chen Xin ist, dass das Herz nicht an der Bewegung klebt.
Wer mit dem Herzen "schiebt", "zieht" oder "machen will", verlässt das Taiji-Prinzip. Stattdessen heißt es:
Das Herz ruht – die Bewegung entfaltet sich.
So kann sich Seide abspulen (缠丝) ohne Bruch, und Veränderung geschieht ohne Hast.
Im Partnerkontakt wird dieser Aspekt besonders sichtbar. Ein Herz, das gewinnen will, verliert sofort seine Sensibilität. Ein Herz, das ruhig bleibt, hört: Es nimmt Druck, Richtung und Leere wahr, noch bevor der Körper reagiert. Chen Xin beschreibt dies sinngemäß als ein Herz, das "vor der Bewegung weiß" – nicht durch Antizipation, sondern durch Klarheit.
Zusammengefasst könnte man Chen Xins Sicht so verdichten:
-
Das Herz ordnet, es zwingt nicht.
-
Das Herz führt, aber es drängt nicht.
-
Das Herz ist still, damit Veränderung möglich wird.
Oder, in Taiji-Sprache:
Ist das Herz ruhig, ist der Körper verbunden.
Ist der Körper verbunden, entsteht Kraft ohne Anstrengung.
Die Vorstellung – Yi (意)
In Chen Xins Chen Taijiquan Tushuo nimmt die Vorstellung, Yi (意), eine vermittelnde Rolle ein: Sie steht zwischen dem ruhigen Herzen (心, Xin) und der sichtbaren Bewegung des Körpers. Yi ist weder Gedanke im westlichen Sinn noch bloße Imagination – es ist gerichtete innere Klarheit.
Chen Xin beschreibt Yi als das, was führt, ohne zu zwingen.
Ist das Herz ruhig, entsteht Yi von selbst. Sie wird nicht "gemacht", sondern formt sich aus innerer Sammlung. Wo das Herz zerstreut ist, wird Yi sprunghaft; wo das Herz ruhig ist, wird Yi durchgängig.
Ein zentraler Grundsatz im Tushuo lautet sinngemäß:
Yi geht dem Qi voraus, Qi geht der Kraft voraus.
Das bedeutet nicht, dass man sich Kraft oder Bewegung "vorstellt". Vielmehr richtet Yi den inneren Raum aus, sodass Qi einen Weg findet. Die Bewegung folgt dieser inneren Spur, nicht umgekehrt.
Im Chen-Taijiquan ist Yi stets ganzheitlich. Sie haftet nicht an einzelnen Gliedmaßen. Wird Yi lokal – etwa nur in der Hand oder im Arm –, zerfällt die Verbindung. Chen Xin warnt ausdrücklich davor, Yi nach außen zu werfen. Sobald die Vorstellung die Körpergrenzen verlässt, verliert sie ihre Verwurzelung.
Stattdessen bleibt Yi im Körper enthalten, verbunden mit Dantian und Wirbelsäule. Aus dieser Mitte heraus durchdringt sie den gesamten Körper, ohne irgendwo zu stocken. So entsteht Bewegung, die gleichzeitig klar und weich ist, zielgerichtet und dennoch offen für Veränderung.
Im Partnerkontakt zeigt sich die Qualität von Yi besonders deutlich. Eine grobe Yi kollidiert, eine zerstreute Yi verliert. Eine klare Yi hingegen bleibt aufrecht, hörend und anpassungsfähig. Sie folgt dem Gegenüber, ohne sich aufzulösen, und führt, ohne zu dominieren.
Chen Xin macht deutlich:
Yi darf niemals gegen das Herz arbeiten.
Ist Yi zu stark, wird das Herz eng. Ist Yi zu schwach, wird die Bewegung leer. Erst wenn Herz und Yi im Einklang stehen, kann sich die charakteristische Chen-Kraft entfalten – spiralförmig, verbunden und lebendig.
Zusammengefasst:
-
Das Herz gibt die Ruhe.
-
Yi gibt die Richtung.
-
Qi füllt den Raum.
-
Der Körper folgt.
Oder in einem Satz:
Yi ist die stille Führung der Bewegung – klar, gesammelt und im Körper verankert.
Qi (气) – Fülle und Durchgängigkeit
Bei Chen Xin ist Qi kein Ziel und keine Technik, sondern die Folge innerer Ordnung. Wo Herz ruhig ist und Yi klar geführt wird, sammelt sich Qi von selbst. Es wird nicht erzeugt, nicht gepresst und nicht willentlich gelenkt.
Qi folgt dem Yi – aber nur dann frei, wenn Yi nicht drängt.
Ein forciertes Yi verdichtet Qi ungleichmäßig; ein zerstreutes Yi lässt es entweichen. Erst wenn Yi ruhig und im Körper verankert bleibt, entsteht Durchgängigkeit.
Chen Xin betont das Sinken des Qi. Dieses Sinken ist kein Absacken, sondern Verwurzelung. Schultern und Brust lösen sich, der Atemraum weitet sich, das Dantian wird zur inneren Mitte der Bewegung.
Qi verbindet.
Ist Qi unterbrochen, zerfällt der Körper in Teile. Ist Qi durchgängig, entsteht ein Gefühl von Fülle, in dem Bewegung getragen wird, statt gemacht.
Qi ist die Fülle, die aus Ordnung entsteht.
Jin (劲) – Geordnete Wirksamkeit
Jin ist bei Chen Xin keine rohe Kraft und keine Muskelspannung. Jin ist geordnete Wirksamkeit, entstanden aus Herz, Yi, Qi und Struktur.
Kraft ohne Ordnung wird hart.
Bewegung ohne Jin bleibt leer.
Jin entsteht, wenn Qi in einer verbundenen Struktur wirksam wird. Dabei ist Jin stets gerichtet, aber nie steif. Es ist elastisch, spiralig und anpassungsfähig.
Chen Xin unterscheidet klar zwischen Li (roher Kraft) und Jin.
Li trennt, Jin verbindet.
Li stößt, Jin durchdringt.
Im Partnerkontakt zeigt sich echtes Jin als ruhige Präsenz. Druck wird aufgenommen, weitergeleitet und zurückgegeben, ohne Widerstand aufzubauen.
Jin ist Kraft, die dem Prinzip folgt.
Körper & Struktur – Verbindung von oben und unten
Für Chen Xin ist der Körper kein Aggregat von Teilen, sondern ein durchgängiges Ganzes. Struktur bedeutet Verbindung – nicht Haltung im äußeren Sinn.
Oben und unten, links und rechts, innen und außen sind stets miteinander verbunden. Fehlt diese Verbindung, wird Bewegung lokal und Kraft fragmentiert.
Struktur entsteht nicht durch Fixieren, sondern durch Loslassen an der richtigen Stelle. Schultern sinken, das Becken ordnet sich, die Wirbelsäule richtet sich ohne Spannung.
Chen Xin betont:
Der Körper ordnet sich von innen nach außen.
Äußere Korrektur ohne innere Verbindung bleibt leer.
Struktur ist Beziehung, nicht Form.
Zhongding (中定) – Die innere Mitte
Zhongding ist die Fähigkeit, in Bewegung zentriert zu bleiben. Es ist keine starre Balance, sondern bewegliche Stabilität.
Chen Xin beschreibt Zhongding als Zustand, in dem oben und unten ausbalanciert sind, ohne sich gegenseitig zu blockieren. Der Körper bleibt aufrecht, während er sich verändert.
Zhongding entsteht nicht durch Kontrolle, sondern durch Gleichgewicht von Loslassen und Halten. Ist das Herz ruhig und das Qi sinkend, stellt sich Zhongding von selbst ein.
Im Partnerkontakt ist Zhongding entscheidend.
Wer seine Mitte verliert, reagiert.
Wer sie hält, kann hören und führen.
Zhongding ist Stabilität ohne Stillstand.
Seidenkraft (缠丝) – Spirale und Kontinuität
Chen Xin betrachtet Seidenkraft als Grundprinzip aller Bewegung. Sie beschreibt nicht Technik, sondern kontinuierliche Veränderung ohne Bruch.
Jede Bewegung ist spiralig.
Gerade Linien sind nur Erscheinung.
Seidenkraft verbindet Öffnen und Schließen, Steigen und Sinken, Vor und Zurück. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Yi, Qi und Struktur.
Wird Bewegung eckig oder abgehackt, ist die Seidenverbindung verloren. Wird sie zu weich, fehlt Führung. Seidenkraft ist beides zugleich: weich und bestimmt.
Seidenkraft ist Kontinuität in Veränderung.
Hören (听) im Tui Shou (Partnerübung) – Wahrnehmung vor Aktion
Hören (Ting) ist bei Chen Xin keine Technik, sondern eine Qualität des Herzens. Es bedeutet, wahrzunehmen, ohne zu reagieren.
Wer hört, greift nicht vor.
Wer nicht hört, kämpft gegen Vorstellungen.
Im Tui Shou zeigt sich Hören als Sensibilität für Richtung, Druck, Leere und Absicht des Gegenübers. Diese Wahrnehmung entsteht nur, wenn Herz ruhig und Yi nicht vorauseilt.
Chen Xin betont:
Aktion ohne Hören ist blind.
Hören ohne Aktion ist leer.
Erst aus Hören entsteht angemessene Bewegung – zur richtigen Zeit, im richtigen Maß.
Hören ist der Anfang aller Wirksamkeit.
Der Wille – Zhi (志)
In Chen Xins Verständnis ist der Wille, Zhi (志), nicht Härte und nicht Durchsetzung. Zhi ist das, was den Weg hält, wenn Herz, Yi und Qi bereits ausgerichtet sind. Er wirkt im Hintergrund und gibt Kontinuität.
Während Yi Richtung gibt, sorgt Zhi für Beständigkeit über die Zeit. Ohne Willen zerfällt Übung in Episoden; mit Willen wird sie zu einem Weg. Chen Xin macht deutlich, dass echter Wille ruhig ist. Er drängt nicht, sondern bleibt.
Ein zu starker Wille verengt.
Ein zu schwacher Wille zerstreut.
Der richtige Wille hält die Ausrichtung, ohne Druck auszuüben – wie ein leiser Zug, der den Faden gespannt hält, ohne ihn zu reißen.
Im Training zeigt sich Zhi nicht in Intensität, sondern in Regelmäßigkeit, in der Bereitschaft, immer wieder zur Ordnung zurückzukehren. So wird Entwicklung möglich, ohne Ehrgeiz.
Kurz gesagt:
Zhi ist das stille Dranbleiben am Richtigen.
Beharrlichkeit – Ren (忍)
Beharrlichkeit, Ren (忍), wird bei Chen Xin nicht als Durchhalten gegen Widerstand verstanden, sondern als Fähigkeit, Spannung auszuhalten, ohne innerlich zu reagieren.
Ren ist eng mit dem Herzen verbunden.
Wo das Herz ruhig bleibt, kann Beharrlichkeit entstehen. Wo Emotionen übernehmen, wird Ren zu Verkrampfung oder Resignation.
Im Taijiquan bedeutet Beharrlichkeit, im Unbequemen zu bleiben, ohne sich zu verhärten:
– in langsamer Bewegung
– in unklarer Wahrnehmung
– im Partnerkontakt unter Druck
Chen Xin deutet Ren als Voraussetzung für echtes Hören. Wer nicht beharrlich sein kann, reagiert zu früh. Wer beharrlich bleibt, lässt Entwicklung geschehen.
Beharrlichkeit ist damit kein Widerstand, sondern offene Dauer.
Oder in einem Satz:
Ren ist die Fähigkeit, nicht aus der Ordnung zu fallen, wenn es schwierig wird.
Die Figur – Zhao (招)
Chen Xin warnt ausdrücklich davor, Figuren (Zhao) als bloße Formen oder Techniken zu verstehen. Eine Zhao ist kein äußerer Ablauf, sondern der sichtbare Ausdruck innerer Ordnung.
Eine Figur entsteht erst dann, wenn Herz ruhig, Yi klar, Qi gefüllt und Struktur verbunden sind. Fehlt eines davon, bleibt die Bewegung leer – selbst wenn sie äußerlich korrekt aussieht.
Chen Xin betont:
Figuren sind Momentaufnahmen von Prinzipien, keine festzuhaltenden Muster. Wer an der Figur klebt, verliert das Taiji. Wer das Prinzip hält, lässt die Figur entstehen.
Im Partnerkontakt zeigt sich dies besonders deutlich:
Die gleiche Zhao kann sich unterschiedlich ausdrücken, je nach Situation. Ihre Qualität liegt nicht im Aussehen, sondern in der Wirksamkeit ohne Härte.
Kurz gesagt:
Zhao ist Form, die aus Prinzip geboren wird.
Das Prinzip – Li (理)
Li (理) ist bei Chen Xin das übergeordnete Ordnungsprinzip, das allem zugrunde liegt. Es ist nicht erfunden, nicht verhandelbar und nicht persönlich. Li ist das, was sich zeigt, wenn man aufhört, etwas Eigenes durchsetzen zu wollen.
Alle Aspekte des Taijiquan folgen Li:
-
Ruhe vor Bewegung
-
Verbindung vor Kraft
-
Hören vor Handeln
Chen Xin macht klar, dass echtes Können nicht aus Technik entsteht, sondern aus Übereinstimmung mit dem Prinzip. Technik ohne Li wird grob. Kraft ohne Li wird hart. Bewegung ohne Li wird leer.
Li kann nicht gemacht werden.
Es kann nur erkannt und eingehalten werden.
Im reifen Taijiquan verschwindet das Persönliche zunehmend, und das Prinzip tritt in den Vordergrund. Bewegung wird einfach richtig – nicht, weil sie gelernt ist, sondern weil sie dem Li folgt.
Oder schlicht:
Li ist das, was trägt, wenn alles andere losgelassen wird.
Song (松) – Loslassen
Song wird im Chen-Taijiquan oft missverstanden als Weichheit oder Nachgeben. Bei Chen Xin bedeutet Song jedoch aktives Loslassen, nicht Erschlaffung. Es ist die Fähigkeit, unnötige Spannung zu lösen, ohne Struktur zu verlieren.
Song ist Voraussetzung für alles Weitere.
Ohne Song kann Qi nicht sinken, Yi nicht klar bleiben und Jin nicht entstehen. Wo gehalten wird, stockt der Fluss. Wo losgelassen wird, ordnet sich der Körper von selbst.
Chen Xin beschreibt Song als Zustand, in dem der Körper offen, durchlässig und verbunden ist. Gelenke bleiben frei, der Atemraum weit, das Herz ruhig. Song ist kein Ziel, sondern ein fortwährender Prozess.
Song ist Ordnung ohne Festhalten.
Xu & Shi (虚 / 实) – Leer und Voll
Chen Xin misst der klaren Unterscheidung von Leer (Xu) und Voll (Shi) zentrale Bedeutung bei. Leer und Voll sind keine Gegensätze, sondern wechselnde Zustände innerhalb einer Bewegung.
Wo etwas voll ist, kann nichts Neues entstehen.
Wo etwas leer ist, kann Veränderung geschehen.
Im Körper bedeutet dies: Gewicht, Spannung, Aufmerksamkeit und Absicht müssen eindeutig verteilt sein. Unklarheit führt zu Doppelbelastung – und damit zu Blockade.
Im Partnerkontakt entscheidet Xu & Shi über Wirksamkeit. Wer Leere nicht erkennt, stößt ins Leere. Wer Fülle nicht hält, verliert Stabilität.
Klarheit von Leer und Voll ist die Grundlage von Veränderung.
Öffnen & Schließen (开 / 合) – Rhythmus der Bewegung
Für Chen Xin ist jede Bewegung Ausdruck von Öffnen (Kai) oder Schließen (He) – sichtbar oder verborgen. Diese beiden Zustände durchziehen den gesamten Körper gleichzeitig.
Öffnen ist Ausdehnung, Aufrichtung, Weite.
Schließen ist Sammlung, Verdichtung, Rückkehr zur Mitte.
Beides bedingt einander. Öffnen ohne Schließen zerstreut, Schließen ohne Öffnen verengt. Erst ihr Wechsel erzeugt lebendige Bewegung.
Öffnen und Schließen sind eng mit Atmung, Qi und Seidenkraft verbunden. Sie geben dem Taijiquan seinen inneren Rhythmus.
Bewegung ist geordneter Wechsel von Öffnen und Schließen.
Dantian (丹田) – Die innere Schaltstelle
Bei Chen Xin ist das Dantian kein mechanischer Drehpunkt, sondern der Ort der Integration. Hier treffen Herz, Yi, Qi und Körperstruktur zusammen.
Bewegung entsteht nicht im Dantian, sondern wird dort gesammelt und verteilt. Ist das Dantian leer oder unruhig, zerfällt die Verbindung. Ist es ruhig und gefüllt, wird der Körper ganz.
Chen Xin betont, dass das Dantian nicht aktiv bewegt werden darf. Es ordnet sich, wenn Herz ruhig ist und Qi sinkt. Dann wird es zum natürlichen Zentrum aller Bewegung.
Das Dantian verbindet, ohne zu treiben.
Der richtige Moment (时) – Zeit im Taijiquan
Chen Xin macht deutlich, dass Wirksamkeit nicht nur von Struktur und Kraft abhängt, sondern vom richtigen Moment (Shi). Handlung zur falschen Zeit verliert ihre Wirkung, selbst wenn sie korrekt ausgeführt wird.
Der richtige Moment kann nicht gemacht werden.
Er wird erkannt.
Diese Fähigkeit entsteht aus Hören, Ruhe und Beharrlichkeit. Wer zu früh handelt, verrät Unruhe. Wer zu spät handelt, verliert Verbindung.
Im reifen Taijiquan geschieht Bewegung im Einklang mit dem Moment – nicht aus Planung, sondern aus Wahrnehmung.
Zeit ist ein Prinzip, kein Parameter.
Nachwort

Die vorliegenden Texte bieten eine Einführung in die inneren Prinzipien des Chen-Taijiquan, wie sie von Chen Xin in seinem Werk Chen Taijiquan Tushuo systematisch dargestellt werden. Sie sollen Anregung und Orientierung sein – nicht als Ersatz für das Üben, sondern als Einladung, die Prinzipien selbst zu erfahren und zu vertiefen.
Chen Xin hat ein einzigartiges Verständnis für die Zusammenhänge von Herz, Vorstellung, Qi, Struktur und Kraft hinterlassen. Die Begriffe, die in dieser Serie erläutert werden, bilden ein Gerüst, das die Praxis von Xiaojia, dem "kleinen Rahmen" des Chen-Taijiquan, unterstützt und in dem sich Übung, Wahrnehmung und Wirksamkeit verbinden.
Wer tiefer in das Werk eintauchen möchte, findet die deutsche Übersetzung von Chen Xins Chen Taijiquan Tushuo auf der offiziellen Webseite: [https://www.verlag-stubenbaum.de/index.php/buecher.html]. Sie ermöglicht den direkten Zugang zu seinen originalen Erläuterungen, Zeichnungen und Prinzipien und ergänzt diese Textreihe auf ideale Weise.
Möge diese Serie allen Übenden dienen, die nicht nur Formen üben, sondern die innere Ordnung, Präsenz und Lebendigkeit des Chen-Taijiquan erleben möchten.
